| Wiesbadener
Tagblatt vom 15.12.1999 Nicht
mehr stumm
Caligari: Lotte-Reiniger-Filme mit neuer Musik dh.
Wiesbaden soll wieder Filmstadt werden. Das zumindest beabsichtigt der ehemalige
Chefdramaturg des Staatstheaters, Gunter Selling, mit dem geplanten Start einer
Reihe "Stumm-Filme mit Live-Musik" an der Filmbühne Caligari. Zum
Auftakt stand nun eine Serie von Scherenschnittfilmen der Berliner Trickfilmschöpferin
Lotte
Reiniger auf dem Programm. Als Pionier auf diesem Gebiet begann sie
1919 mit den ersten Arbeiten und vollendete bis zu ihrem Tod im Jahre 1981 über
40 Werke im Bereich Film, Fernsehen und Schattentheater. In Wiesbaden kamen nun
in Zusammenarbeit von Kulturamt und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit liebevoll gestaltete Märchenfilme zur Aufführung, für
die eigens eine neue Musik komponiert wurde. Für diesen Auftrag konnte der
renommierte Münchner Komponist Enjott
Schneider gewonnen werden, der in sehr individuellen Zügen die einzelnen
Charaktere treffsicher nachzeichnete und dabei doch nie den Zusammenhang ausblenden
musste.Unter der musikalischen Leitung von Natalie Schwarzer
entwickelte das Ensemble so eine ganz eigene Dynamik, die in Kombination mit den
lebendig wirkenden Scherenschnitten einen spannungsvollen Dialog erzeugte. Heinz
Lyko (Akkordeon), Balthasar Hens (Klarinette), Udo
Diegelmann (Schlagzeug), Christoph Klein (Viola), Johanna Zur (Violoncello)
und Jörg Mühlhaus (Kontrabass) erwiesen sich, teilweise bereits filmerprobt,
als bewusst und professionell agierendes Begleitensemble. Die teilweise sekundengenau
auf den Effekt ausgerichtete Musik wollte nicht nur musikalisch geführt,
sondern auch exakt im Tempo gehalten werden. Beides gelang souverän. Dabei
zeigten die Musiker ein hohes Maß an stilistischer Flexibilität. Ein
wenig von dieser künstlerischen Überlegenheit hätte auch Sprecher
Benjamin Krämer-Jenster vom Wiesbadener Staatstheater sicherlich gut zu Gesicht
gestanden. Einen durchaus dilettantischen Fehler der Technik nahm er zumindest
zum Anlass, während der Vorstellung des "Aschenputtel" wütend
lärmend den Saal zu verlassen. Ein Verhalten, das trotz des berechtigen Ärgers
kaum für angemessen und tragbar gehalten werden kann. Allerdings gab dieses
Intermezzo Gelegenheit dafür festzustellen, dass die gesprochenen Texte zumindest
bei den bekannten Märchenfilmen "Der gestiefelte Kater" und "Däumelinchen"
mehr störend wirkten, als dass sie zum Genuss der Werke beitrügen. Zumal
es sich auch weder um Originaltexte, noch um übernommene Bearbeitungen der
jeweiligen "Autoren" handelte. Dennoch: Der Auftakt der Reihe ist durchaus
geglückt.
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 Natalie
Schwarzer | Wiesbadener
Tagblatt vom 15.12.1999 Musik-Premiere
bei stummen Bildern
Scherenschnitt-Filme von
Lotte Reiniger sind in der kommunalen Filmbühne "Caligari" zu sehen
dh.
Die Verquickung ganz unterschiedlicher kultureller Ausdrucksformen und Interessen
hat sich ein Gemeinschafts-Projekt der Gesellschaft für christlich-jüdische
Zusammenarbeit und des Kulturamtes auf die Fahnen geschrieben. Am Montag, 13.Dezember,
wird um 19 Uhr in der Filmbühne Caligari eine Auswahl von Scherenschnittfilmen
der Berliner Filmemacherin Lotte
Reiniger zu sehen sein. Die Schülerin von Max Reinhardt verließ
Deutschland 1936 mit der Begründung, dass "mir diese Hitler-Veranstaltung
nicht passte und weil ich sehr viele jüdische Freunde hatte, die ich nun
nicht mehr Freunde nennen durfte." Hier ist auch der Anknüpfungspunkt,
den Ines Henn, Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische
Zusammenarbeit, sah, als der ehemalige Chef-Dramaturg des Staatstheaters, Gunter
Selling, mit diesem Projekt an sie herantrat. Gerade das von Gegnern des nationalsozialistischen
Regimes heute oft in Vergessenheit geratene Kulturgut gilt es für sie zu
fördern. Die Aufführung kurzer Märchenfilme und des längeren
"Dr. Doolittle" ist darüberhinaus eine musikalische Premiere. Die
Musik wurde eigens von dem renommierten Münchner Komponisten und Kompositionsprofessor
Norbert Jürgen "Enjott"
Schneider geschaffen. In den vergangenen Jahren fiel er auch über
den Kreis des Fachpublikums hinaus mit den Filmmusiken zu "Stalingrad",
"Schlafes Bruder" und in diesem Jahr auch "23 - Nichts ist so wie
es scheint" auf. Stilistisch gerieten die Vertonungen ganz unterschiedlich,
von rhythmisch betonter Klangkulisse über Jazz- und Swingelement bis hin
zur 12-Ton-Partitur steht eine breitgefächerte Vertonung. So geht er auf
die teilweise sehr weit auseinander liegenden Charaktere der Protagonisten auch
musikalisch ein. Eine nicht ganz einfach zu lösende Aufgabe, hat doch dieses
Projekt zudem den Anspruch der Nachwuchsförderung im musikalischen Bereich
erhoben. Die Frankfurter Dirigentin Natalie Schwarzer
(Mitglied des Netzwerks "Die Cavallerotti") kann hierbei auf einschlägige
Erfahrungen verweisen. Weitere Informationen erteilt die Gesellschaft für
christlich-jüdische Zusammenarbeit unter der Nummer 52 04 63.
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 Natalie
Schwarzer | ÜBER
"DIE CAVALLEROTTI": Wiesbadener Tagblatt vom
14.08.1999 Kreative Ideen mit
einer inhaltlichen Substanz
Kooperative "Die Cavallerotti"
will in Wiesbaden ein kulturelles Netzwerk zur Förderung des Nachwuchses
aufbauen dh. Die Idee zur Wiesbadener Kulturkooperative "Die
Cavallerotti" wurde im Oktober 1996 geboren. Seither bemüht
sich der Zusammenschluss von Künstlern, Musikern, Filmschaffenden und Dozenten
darum, ein kulturelles Netzwerk zu knüpfen, das Projekte und Initiativen
mit Nachwuchstalenten unterschiedlicher Ausprägung ermöglicht. Angesprochen
sind Künstler mit hoher Qualifikation, die jedoch aufgrund des "überfüllten
Marktes" im konventionellen Rahmen bisher kaum Betätigungsfelder finden
konnten. Gemeinsam soll innerhalb der Kooperative nach Formen gesucht werden,
um eigenständige Projekte zu realisieren und somit den künstlerischen
Dialog weiterzuentwickeln. Durch den Kooperativansatz könne auch mit wenig
Geld aber viel Engagement erhebliches geleistet werden, so ist sich Rainer Hauptmann,
Initiator und Leiter der "Cavallerotti" sicher. Die bisher geleistete
Arbeit gibt ihm dabei recht. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für
Filmkunde wurde im September 1997 der Paul-Leni-Film "Dornröschen"
aus dem Jahre 1917, musikalisch begleitet von einer Komposition für Salonorchester
des polnischen Komponisten Jerzy Skorsky, aufgeführt. Unter Leitung der Frankfurter
Dirigentin Natalie Schwarzer
spielten damals Mitglieder des Landesjugendorchesters Hessen. Mit diesem Programm
gastierten die Musiker mittlerweile auch in Hamburg, weitere Gastspiele in Deutschland
sind in Planung. "Diese Musik wurde ermordet", hieß eine Kombination
aus Lesung und Musikvortrag "mit der vor allem die antisemitischen Anfeindungen,
denen sich der jüdisch-stämmige Komponist Felix
Mendelssohn Bartholdy ausgesetzt sah, näher beleuchtet wurden. Die
Korrespondenz zwischen Vortrag und Musik, die Auseinandersetzung und nicht bloße
Interpretation von Musik war ausschlaggebend bei den Veranstaltungen. Gerade ist
die Produktion einer Dokumentations-CD abgeschlossen, die den Vortrag und den
kompletten Liederzyklus op. 65 sowie das ursprüngliche Konzertprogramm beinhaltet.
Die Doppel-CD soll nahezu zum Selbstkostenpreis vor allem an Bildungseinrichtungen
abgegeben werden, um eine intensivere Beschäftigung mit dem Themenkomplex
zu ermöglichen. Rainer Hauptmanns Konzept bei allen Aktivitäten folgt
einer eigentlich schlichten Formel: "Wir wollen Themen aufgreifen, die uns
faszinieren." Heraus kommt wohl keine populäre Unterhaltung, denn "das
können andere besser". Wohl aber entstehen im Verbund mit der Kulturkooperative
kreative Ideen mit inhaltlicher Substanz. Die künstlerische Eigenständigkeit
bleibt stets gewahrt, da die bewussten Altemativ-Modelle weniger dem ökonomischen
Zwang als der konsequenten Realisierung der gesetzten kulturellen Ziele folgen.
Dabei müssen die "Cavallerotti" auch nicht unbedingt im Vordergrund
stehen. Oftmals reicht es, Kontakte herzustellen oder Denkanstöße zu
geben. So entwickelt sich zur Zeit ein immer weiter gespanntes Netz von Personen,
Ideen und Projektvorstellungen. Hauptmann selbst zieht seine Motivation, oft auch
langwierige Verhandlungen und organisatorische Vorhaben durchzustehen, aus einer
ehrlichen Begeisterung. Lange Zeit arbeitete er in unterschiedlichen Funktionen
auf und an der Bühne, bis er schließlich in einer freien Filmproduktion
während eines Orchesterworkshops auf die Idee der Kooperative kam. Mittlerweile
haben ihm seine Aktivitäten die Gelegenheit geschaffen, an einem Kulturmanagementstudium
in München teilzunehmen, aber auch dort werden weiterhin die Fäden gesponnen. Übrigens:
"Cavallerotti" ist die Bezeichnung der als unzuverlässig, wankelmütig
und kleinbürgerlich geltenden Parteigänger und Schwertleute im Italien
des Trecento. Es handelte sich dabei um die unterste Oberschicht, die bei politischen
Entscheidungen zumeist durch ihre Korrumpierbarkeit und Tücke auffiel und
ihr Män-telchen in den jeweils wehenden Wind hing. Eine Anspielung, die bewusst
mit einem augenzwinkernden Seitenhieb auf das Gerangel in der freien Kulturszene
gewählt wurde, verrät Hauptmann.
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