Dillenburger
Post vom 20.5.1997 Ungewöhnliche,
aber interessante Klänge in der evangelischen Stadtkirche
Das
Trio "con tempo" präsentierte den Dillenburgern zeitgenössische
Musik
Dillenburg (sah) Mit dem Konzert "Klangszenen"
des Trios "Con
Tempo" begann am Sonntag in Dillenburgs evangelischer Stadtkirche
eine Reihe, die es allen Interessierten im heimischen Raum ermöglichen soll,
sich mit neuer Musik zu beschäftigen. Faszinierende, wenn auch komplizierte
Klänge konnten die rund 50 Zuhörer am Pfingstsonntag erleben. Erleben
ist in diesem Zusammenhang das richtige Wort, denn, wie Kantor Karl-Peter Chilla
in seinen Eingangsworten feststellte, "verbieten die Stücke analytisches
Hinhören". Diese Musik wolle nicht im überlieferten Sinne "schön"
sein, könne aber die Musik-Eindrücke jedes Einzelnen verändern
und vielleicht sogar bereichern. Zu Beginn des Konzerts galt es für das
Publikum, sich einzuhören in diese neuartige Musik mit ihren "durch
Elekronik veränderten, verfärbten, verfremdeten Klängen",
wie Chilla den Gästen erklärte. Schon das erste Stück verlangte
den Zuhörern enorme Konzentration ab. "Meine Zeit als Idiot",
1988 von Axel Gutzler geschrieben, wechselt zwischen leisem Sprechgesang, lautem
Gesang, plötzlichen Stimmen und Sprachengewirr. Arrangiert ist das Stück
für Countertenor, Schlagzeug und Live-Elektronik; es ist angelehnt an eine
Kurzgeschichte. Interessant dabei sind auch die eingebauten "Samples",
die auf Holz, Glas und Metallmaterial zurückgehen. Für den Gesang
ist bei "Con Tempo" Countertenor Ralph Daniel Mangelsdorff zuständig,
der sich neben der zeitgenössischen Musik auch auf Mittelalter und Barock
spezialisiert hat. Udo
Diegelmann, Schlagzeuger und Perkussionist, beschäftigt sich ebenso
mit Jazz und Freier Improvisation. Er ist Mitglied namhafter Ensembles, Solokünstler,
Dozent und Komponist. Andreas H.H. Suberg ist Komponist. In seinem Gesamtwerk
finden sich neben der zeitgenössischen Musik und der Arbeit mit Glas und
dessen Synthese mit Elektronik, auch Solo-, Kammer-, Theater- und Filmmusik. Das
Ensemble wurde 1995 für die Uraufführung des Stücks "De metalli"
gegründet und kann seitdem auf eine erfolgreiche Karriere mit Auftritten
auf Festivals und bei den "Tagen für neue Musik" verweisen. Als
zweite Komposition präsentierten die Musiker den Zuhörern "Kassandra"
von Iannis Xenakis. In lautem Fortissimo konnte man aus den Klängen der modernen
Komposition immer wieder die Rufe der Unglücksbotin vernehmen, die ihr Volk
vor der bevorstehenden Katastrophe warnt. Das dritte Stück "Personarum
trinitatem" dürfte dem heimischen Publikum am ehesten zugänglich
gewesen sein, konnte man doch kirchenmusikalische Klänge vernehmen und sich
bei harmonischen Klängen entspannen. "De metalli" von Andreas
Suberg behandelte anschließend die 106. Prophezeiung von Leonardo da Vinci,
deren Inhalt - die Metalle - sich nicht zuletzt in der Wahl der Instrumente wiederspiegelte. Den
Abschluß machte das Trio mit der Uraufführung des Stücks "Fellzeitbänder"
von Udo Diegelmann. Noch einmal präsentierten sie dem Publikum ihre hochkarätige
technische Leistungsfähigkeit, die am Ende des Konzerts für jeden außer
Frage gestanden haben dürfte. Das musikalische Material ist bei diesem Stück
auf Pattern minimiert, die außer auf den Fellinstrumenten, musikalisch verändert,
auch auf einem Tonband erklingen. Die Phasenverschiebung, ausgeführt durch
den Schlagzeuger, ist dann bei der Aufführung das wesentliche Kompositionselement.
Der Text des Countertenors dreht sich um das Thema Zeit und ist angelehnt an Meditationsmusik.
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 Udo
Diegelmann
...ist Mitglied im Ensemble Con
Tempo
http://home.t-online.de/ home/diegelmann.perc.pro.ffm | Dillenburger
Zeitung vom 21.5.1997 Dillenburger Musikexperiment
fand aufmerksames Publikum
DILLENBURG (cph)
- "Die gleich zu hörende Musik wird nicht schön im überlieferten
Sinne sein. Wer sein Ohr dem Pianissimo und öfters auch dem äußersten
Fortissimo, Schreien und Flüstern öffnet, wer sich so einläßt
auf Ungewohntes und dadurch vorsichtig Abstand nimmt von Allzuvertrautem, wird
vielleicht am Ende des Konzertes sagen können: ich habe meine Eindrücklichkeit,
meine Musik-Eindrücke erweitert, vielleicht bereichert". Mit diesen
Worten eröffnete Kantor Karl-Peter Chilla das Konzert "Klang Szenen"
mit dem Trio "Con
Tempo" in der evangelischen Kirche Dillenburg, das "Pilot-Charakter"
haben sollte. In der Tat kam dann auf die Zuhörer eine für die meisten
ungewohnte und fremde Musik zu. Schon die Besetzung des Ensembles "con tempo"
mit dem Countertenor Ralph Mangelsdorff, dem Schlagzeuger Udo Diegelmann und dem
Komponisten und Klangregisseur Andreas H. H. Suberg war überraschend. Ralph
Mangelsdorff, der im vergangenen Jahr in Dillenburg als "Schwan" in
der Aufführung der "Carmina Buran"' begeistert hatte, hat sich
nach seinem Studium auf mittelalterliche und zeitgenössische Musik spezialisiert.
Seine beeindruckenden stimmlichen Fähigkeiten wurden bereits im ersten Stück
des Konzertes "Meine Zelt als Idiot" von Axel Gutzler deutlich. Das
Stück wurde 1989 In der Alten Oper in Frankfurt uraufgeführt und arbeitet
hauptsächlich mit "verkomponierten" Samples, das sind Klänge,
die im Ursprung auf natürliche Materialien zurückgehen. Vom leise geflüsteren
Beginn steigerte sich das Werk bis hin zu Schreien und Anklänge an Popularmusik. Das
zweite Werk des Abends "Kassandra" von Ianis Xenakis beeindruckte allein
schon durch die enormen physischen Anforderungen an Sänger und Schlagzeuger.
"Kassandra" ist der Dialog der von Agamemnon als Beute vom trojanischen
Krieg mitgebrachten Kassandra mit dem Chorführer. Wie in der alten Tragödie
werden beide Rollen von einer Person vorgetragen. Mangelsdorff fesselte die Zuhörer
mit theatralisch vorgetragenen höchsten ekstatischen Gesängen der Kassandra,
um sofort im Anschluß in die Baßrolle des Chorführers zu schlüpfen.
Trotz der hervorragenden gesanglichen Leistung Ralph Mangelsdorffs und der präzisen
und engagierten Begleitung durch den Schlagzeuger Udo Diegelmann störte hier
die Überlänge des Werkes.
Wohlgesetzter Kontrast In
scharfem, wohlgesetztem Kontrast, sozusagen als Zentrum des Konzertes, folgte
aus "Musik für die Messe" ein mittelalterlicher Gesang "Personarum
trinitatem" für Countertenor und Schlagwerk. In schwingenden Phrasen
verkündete Mangelsdorff diesen Pfingstlichen Gesang von der Kanzel, von Udo
Diegelmann am Schlagwerk begleitet. Andreas Subergs "De metalli"
wurde von ihm selbst zu Beginn erläutert: De metalli = "Von den Metallen"
meint hier die Edelmetalle wie Gold oder Geld allgemein, die das Wesen der Menschen
verderben. Ausgangspunkt für seine Komposition war eine der 166 Prophezeiungen
von Leonardo da Vinci. Diese Prophezeiungen wurden bei Hofe zur Unterhaltung vorgetragen.
Die dann vom Tonband zu hörenden Klänge waren ausschließlich Aufnahmen
von Schlaginstrumenten, die im Tonstudio verändert wurden. Diegelmann hat
für die Herstellung der Bandvorlage eineinhalb Jahre im Studio experimentiert.
Was dann als Klangerlebnis auf die Zuhörer zukam war eine ausgesprochen spannungsgeladene,
abgerundete Komposition, die durch die drei Ebenen elektronischer Klang, Countertenor
und Schlagzeug fesselte. Den Schluß des Konzertes bildete eine Uraufführung
des Schlagzeugers Udo Diegelmann: "Fellzeitbänder".
Dieses Werk für Countertenor, fünf Fellinstrumente und Tonband ist ein
Werk der Minimal-Art, oder "Meditationsmusik". Das musikalische Material
wurde hierbei auf ein Minimum reduziert. Während das Tonband die rhythmische
Vorgabe unablässig wiederholt, begann Udo Diegelmann mit seinem Schlagzeug
eine Phasenverschiebung zu diesem Rhythmus, so daß sich Überlagerungen
ergaben. Der dazu vom Countertenor vorgetragene Text bezog sich inhaltlich auf
das Wesen dieser Meditationsmusik: "Zeit im Fluß der Veränderung...".
Ein die Zuhörer packendes Werk, bei dem sich Sänger und Schlagzeuger
in enormer Konzentration ergänzten. Die Zuhörer dankten am Schluß
mit ihrem Applaus für ein Konzert, das durch seine Vielschichtigkeit und
Farbigkeit beeindruckte und das durch hohe Professionalität und eine konzentrierte
Ausführung, fast schon eine "Besessenheit" bestach. Die Idee Pfingst-Konzerte
mit "Neuer Musik in der Kirche" zu veranstalten, sollte auf alle Fälle
weitergeführt werden.
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