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 Günzburger Zeitung vom 19.11.2003

Seichte Salonmusik?

Gesprächskonzert zur Rehabilitierung von Mendelssohn

Ichenhausen (hli). Dass die Werke des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy in der Zeit des Nationalsozialismus geächtet waren und nicht aufgeführt werden durften, weiss jeder, der sich ein wenig in der Musikgeschichte auskennt. Dass die Demontage Mendelssohns aber schon zu seinen Lebzeiten begann und das Unrecht, das seiner Musik widerfahren ist, sich in die Gegenwart fortsetzt, dürfte nur wenigen bekannt sein. Uwe Schmidt machte sich beim Gesprächskonzert in der ehemaligen Synagoge zum engagierten Anwalt Mendelssohns. Das stärkste "Argument" für den Komponisten war indes seine Musik selbst.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet ein jüdischer Kapellmeister und Komponist Johann Sebastian Bachs Grösse erkannte und dem in Vergessenheit Geratenen die Beachtung zurückgewann, die er verdient. Aber nicht einmal dieses Verdienst von Felix Mendelssohn-Bartholdy ist ihm ungeschmälert angerechnet worden. Man verkleinerte einfach seine Rolle bei der Wiederentdeckung und Wiederaufführung der "Matthäus-Passion". Schwerer noch wog der Angriff auf Mendelssohns Musik. Zwei Motive lagen dem zu Grunde, wie Uwe Schmidt ausführte: das nationale Ideal im Vorfeld der Revolution von 1848 und der Versuch, durch die Diskreditierung der jüdischen Komponisten die Machtverhältnisse im damaligen Musikbetrieb zu Gunsten von Richard Wagner und Franz Liszt zu verschieben. Kälte, Glätte, Seelenlosigkeit und seichte Eleganz, das waren die Vorwürfe Wagners gegen seine jüdischen Konkurrenten. Und auch ins gängige Genie-Bild des 19. Jahrhunderts wollte Mendelssohn nicht passen. Wer keine Not leiden und sich seine künstlerische Existenz nicht bitter erkämpfen musste, dessen Werk konnte nicht gut sein. Schmidt brachte dies, Friedrich Nietzsche zitierend, auf den Punkt: Mendelssohn sei "der schönste Zwischenfall der deutschen Musik" gewesen.

1934 wurde ein deutscher Kapellmeister entlassen, weil er in einem Jugendkonzert Mendelssohns "Sommernachtstraum" aufführte und damit sich der "Brunnenvergiftung Jugendlicher" schuldig gemacht habe. 1936 wollte eine Delegation englischer Musiker, zu Gast beim Gewandhausorchester in Leipzig, zum Denkmal Mendelssohns pilgern. Aber das war eilig über Nacht entfernt worden. Das sind zwei der von Schmidt angeführten Begebenheiten, die erhellen, wie sehr es sich die Nationalsozialisten zur Pflicht machten, Mendelssohns Musik auszumerzen.

Viele der Musikwissenschaftler, die sich während der NS-Zeit darum bemühten, die Musik jüdischer Komponisten als minderwertig auszuweisen, hätten in der Nachkriegszeit die Lehrstühle an den Universitäten besetzt und von dort aus weiterhin das Bild des jüdischen Komponisten als eines charmanten, oberflächlichen Dandys gepflegt und verbreitet, erklärte Schmidt. Das Ergebnis sei, dass Mendelssohn bis heute in den Konzertsälen und in der Musikindustrie nicht angemessen vertreten sei.

Passagenweise polternd, laut deklamierend artikulierte Schmidt das Ärgernis, dass Mendelssohn ein jüdischer Komponist sei, dessen Musik man zu "morden" versucht habe. Er lieferte schlagende Beweise, vielleicht zu viele, aber mit Worten beweisen lässt es sich nicht, ob Mendelssohns Musik wirklich "groß" ist. Das können nur sein herrliches Violinkonzert, die kunstfertigen Symphonien, die ergreifenden Oratorien, die brillianten Klaviertrios... Sabine Thies (Sopran), Sandra Fathali (Mezzosopran und Natalie Schwarzer (Klavier) hatten die eigentlichen Argumente für Mendelssohns Genie. Dabei waren die Lieder, die sie gekonnt vortrugen, von ganz unterschiedlichem Charakter. Und so manches, beispielsweise der "Gruss" nach einem Gedicht von Heinrich Heine, mit seiner wunderbar anschmiegsamen Melodie, würde die Kritiker Mendelssohns darin bestätigt haben, diese Musik sei zu gefällig, zu schön. Über jeden Zweifel erhaben dürften die vorgetragenen Ausschnitte aus dem "Elias" sein. Tief ergreifend war das flehende "Zion streckt ihre Hände aus" von Sabine Thies, unter das sich warm Sandra Fathalis Stimme legte. Wer hartnäckig leugnet, diese Musik atme Seelentiefe, dem ist nicht zu helfen.


 
 [Rezension Markt Schwaben 11/01]

Himmlische Länge und konzentriertes Spiel


Begeisterter Applaus für das Konzert der Jungen Münchner Symphoniker im Franz-Marc-Gymnasium

Markt Schwaben: Wenn Markt Schwabens Gymnasiasten nicht gerade selbst musikalisch aktiv sind, dann lädt die Schule gelegentlich Gäste ein, so zuletzt die Jungen Münchner Symphoniker, die unter der Leitung von Bernhard Koch ihr neues Programm präsentierten. Die Aula war bis auf den letzten Platz gefüllt.
Zugegeben, der erste Programmpunkt war mit etwa 5 Minuten Dauer relativ kurz. Anderseits ist die Ouvertüre op. 43 von Ludwig van Beethoven unter dem Titel "Die Geschöpfe des Prometheus" eigentlich ziemlich bekannt. Ausserdem gelang es den Jungen Münchner Symphonikern sehr gut, einen Spannungsbogen vom einleitenden Adagio ins Allegro molto con brio bis zur Reprise und Coda herzustellen. Die Notenblätter wurden rasch gewechselt, die Posaunisten nahmen ihre Plätze ein und Bernhard Koch fuhr fort mit dem zweiten Programmpunkt, Franz Schuberts großer C-Dur-Symphonie. Hier applaudierte das Publikum dann nach jedem einzelnen Satz. Doch weder Dirigent noch Orchester liessen sich dadurch aus der Ruhe bringen.
Die Instrumentalisten schienen gut vorbereitet und spielten konzentriert, sieht man von einzelnen Intonationsproblemen bei den Bläsern ab. Bernhard Koch wirkte fast gelassen, wenn er sich durch die Partitur arbeitet. Er dirigiert klar und deutlich, ohne übertriebene Gestik und Aufgeregtheiten. So bewältigte das Orchester, das aus Studenten aller Fakultäten zusammengesetzt ist, diese letzte Symphonie Schuberts scheinbar mühelos und stellte eindrucksvoll seine Qualitäten unter Beweis.
Robert Schumann hatte über die Symphonie gesagt, dass sie himmlische Längen habe. Nach ihrer Fertigstellung im Jahre 1828 sollte sie etwa im Wiener Konservatorium probiert werden, wurde jedoch wegen ihrer Länge und Schwierigkeit zurückgelegt. Fast zehn Jahre später machte sich ein Berufsorchester daran, die ganze Symphonie in einem Konzert aufzuführen, beschränkte sich dann aber auf die ersten 2 Sätze. Das Publikum in Markt Schwaben kam in den Genuss aller vier Sätze. Es finden sich darin alle Farben und Formen, die der Komponist darzustellen in der Lage war. In dreijähriger Arbeit schuf er das einleitende Andante, einen monumentalen Sonatenhauptsatz im Allegro, einen überaus poetischen zweiten Satz Andante con Moto, ein wienerisches Scherzo und ein machtvolles Allegro vivace zum Abschluss, ein Werk in dem diesseitiges und jenseitiges sehr nahe beieinander sind. Eigentlich verträgt diese grossartige Musik nicht unmittelbar eine Dreingabe. Nachdem sich die Zuhörer dann aber warmgeklatscht hatten, wiederholten die Jungen Münchner Symphoniker noch einmal "Die Geschöpfe des Prometheus".
THERESIA GLAS

 
 Münchner Merkur vom 17.5.2001

Kraftvolles Frühjahrskonzert

Junge Münchner Symphoniker spielen mit Engagement - Nur elf Zuhörer

Haar (erl) - Sind die Haarer keine Freunde der klassischen Musik oder war doch der erste richtig warme Abend des Jahres daran schuld, dass die Bürger lieber in den Biergarten als ins kleine Theater gegangen sind? Gerade einmal elf Zuhörer hatten die Jungen Münchner Symphoniker während ihres Frühjahrskonzerts. Und so sehr eine schöne Maß Bier am lauen Abend auch geschmeckt haben mag: Die Haarer haben wirklich etwas verpasst. Die Gruppe der Jungen Münchner Symphoniker besteht ausschließlich aus jungen Laienmusikern. Und der Künstler-Nachwuchs ließ sich von der schlechten Besucherzahl nicht schrecken und spielte unter der Leitung des Orchesterbegründers Bernhard Koch auch vor leeren Reihen ein kraftvolles Konzert.
Vor allem ihr Gast, der Solo-Cellist Adrian Janke, beeindruckte mit Camille Saint-Saens, seinen filigranen und schnellen Fingern und dem Unglaublichen, das er seinem Instrument zu entlocken vermag. Der 1981 geborene Janke hatte bereits mit drei Jahren seinen ersten Cellounterricht und ist mehrfacher Bundessieger beim Wettbewerb "Jugend musiziert". Nach dem Gastspiel in Haar hoffen die Jungen Münchner Symphoniker auf den heutigen Abend, denn da spielen sie ab 20 Uhr dasselbe Programm im Herkulessaal der Münchner Residenz. Wenn der Besuch dort gut ist, dann können sie Haar als gelungene Generalprobe werten. Und die Haarer bekommen die Chance, das Verpasste nachzuholen.

 
 Süddeutsche Zeitung vom 15.05.2001

Die "Jungen Münchner Symphoniker " gastieren im Kleinen Theater


Souveräne Technik und schöne Tongebung

Nachwuchssolist Adrian Janke begeistert mit dem melodischen Cello-Konzert von Saint-Saens

Haar Mit einem sehr ansprechenden und auch anspruchsvollen Konzert wollten die "Jungen Münchner Symphoniker" unter der Leitung von Bernhard Koch und der junge Cellist Adrian Janke am Vorabend des Muttertags das Haarer Publikum beglücken, aber die Haarer wollten auf diese Weise nicht beglückt werden und blieben der Veranstaltung vollzählig fern. Das "Kleine Theater Haar" war fast restlos nicht ausverkauft, also leer. Lediglich zehn vermutlich mitgebrachte Orchesterfans und ein unentwegter Kritiker, die selbst den Weg ins Bezirkskrankenhaus Haar nicht scheuten, wurden Zeugen eines Konzerts, das unter diesen Umständen als letzte Probe vor dem großen Auftritt im Münchner Herkulessaal sicher nützlich war.

Farbige Instrumentierung
Es begann mit der Orchestersuite "Masques et Bergamasques" von Gabriel Faure. Dem hübschen Titel dieser aus Ouvertüre, Menuett und Gavotte bestehenden kleinen Suite, entspricht eine sehr gefällige Musik, die Masken in farbiger Instrumentierung mit der Ber-gamaska, einer volkstümlichen Melodie aus Bergamo, der Heimat Gaetano Donizettis, kombiniert. Die "Jungen Münchner Symphoniker" spielten sie mit sichtlicher und hörbarer Freude am Musizieren. Mit dem berühmten Cellokonzert von Camille Saint-Saens, einem dankbaren, melodisch und harmonisch geradezu süffigen Stück, stellte sich Adrian Janke als sehr begabter Nachwuchsolist von souveräner Beherrschung desTechnischen und schöner Tongebung vor.
War der erste Teil dieses Konzerts ganz auf französische Eleganz abgestellt, so war der zweite der Wiener Klassik gewidmet. Eine Ouvertüre im französischen Stil von Mozarts Altersgenossen Josef Martin Kraus aus Milten-berg am Main, der in Stockholm als Hofkapellmeister wirkte und Mozart um nur ein Jahr überlebte, war gewissermaßen der Übergang von der französischen Musik zu Mozarts Jupitersymphonie. Kraus wurde leicht- und eilfertig "der schwedische Mozart" genannt. Seine Ouvertüre im französischen Stil besteht aus einer klassischen Einleitung und einer Fuge mit ungemein vielen Einsätzen eines recht markanten Themas - ein kontrapunktisches Probestück. Für die "Jungen Münchner Symphoniker" war sie gerade recht als Vorbereitung für die größte Aufgabe, die ihnen von ihrem Dirigenten Bernhad Koch für dieses Konzert gestellt wurde. Bei Mozarts letzter Symphonie können Spitzenorchester der ganzen Welt ihren Glanz zeigen, für ein Nachwuchsorchester ist sie eine der größten Herausforderungen überhaupt.
Die "Jungen Münchner Symphoniker" bestanden diese Herausforderung erstaunlich gut. Vielleicht wird man den einen oder anderen eines Tages als "Münchner Philharmoniker" wiedersehen.
ADOLF KARL GOTTWALD

 
 Darmstädter Echo vom 11.01.2001

Stummfilm mit Livemusik


"Dornröschen" (1917) in der Centralstation

(DE). Die Centralstation im Car-ree zeigt am Samstag (13.) um 18 Uhr Paul Lenis Stummfilm "Dornröschen" aus dem Jahr 1917. Mitglieder der Jungen Frankfurter Symphoniker unter der Leitung von Natalie Schwarzer spielen dazu die von Jerzy Sokorski (Postow/Warschau) im Jahr 1988 komponierte Begleitmusik für Streicher, Klarinette und Trompete.
Der 50 Minuten lange Märchenfilm "Dornröschen" war der aufwändigste Streifen, den die kleine Berliner Firma Projektions AG Union bisher produziert hat. Paul Leni war für Ausstattung, Kostüme und Regie verantwortlich. Er ging später nach Hollywood, wo er kurz vor seinem Tod noch an einem klassischen Horrorfilm-Projekt mitwirkte.
Nach Einschätzung der Pressestelle der Centralstation ist "Dornröschen" ein für Kinder wie Cineasten reizvolles Filmerlebnis, das durch die live eingespielte Filmmusik noch an Faszination gewinnt. Sie ist modern und doch sensibel auf die alten Bilder des Jahres 1917 zugeschnitten.

Die Jungen Frankfurter Sinfoniker begleiten den Märchenfilm "Dornröschen" aus dem Jahr 1917 musikalisch. Er wird am Samstag (13.) um 18 Uhr in der Centralstation gezeigt. Zum Bericht.
(Foto: Centralstation)

 
 Darmstädter Kulturnachrichten Ausgabe 01/2001

Centralstation klassisch


Kostbare Raritäten


Dick im Kalender anstreichen sollten sich die Darmstädter Cineasten den 13. Januar, steht ihnen doch ein Ereignis ins Haus, das Filmgeschichte geschrieben hat und - wie es aussieht - weiter schreiben wird. Paul Leni. begabter Bühnenbildner, Regisseur und Filmausstatter in den Anfangszeiten des Films, produzierte 1917 zusammen mit der kleinen Berliner Projektions AG den Film "Dornröschen". Der Stummfilm zeichnete sich vor allen anderen Stummfilmen jener Zeit - die sich in ihren Bildern noch keineswegs von der zweidimensionalen und statischen "Regie" der Gemälde emanzipiert hatten - durch eine äußerst sorgfältige, aufwändige Ausstattung sowohl der Interieurs als auch der Kostüme aus. "Dornröschen" war damit in Deutschland und vermutlich weltweit der erste Film, der die Möglichkeiten des neuen Mediums konsequent einsetzte. Die Original-Filmmusik ist leider verloren. Deshalb beauftragte das Hessische Staatstheater Wiesbaden den Polen Jerzy Sokorski mit der Komposition einer neuen Filmmusik. Sie ist kompromißlos modern, aber voller Poesie und sensibel auf die alten Bilder zugeschnitten. Gespielt wird sie von Mitgliedern der Jungen Frankfurter Symphoniker unter der Leitung von Natalie Schwarzer.
Paul Leni selbst ging nach Hollywood, wo er bis zu seinem frühen Tod - er starb 1929, 44 Jahre alt - tätig war. Sein letztes Projekt war "Dracula", der erste Gruselfilm der Tonfilm-Ära. Er starb, bevor der Film fertiggestellt werden konnte. Realisiert wurde der Film schließlich von Tod Browning. Er kam 1930 in die Kinos und hat, wie "Dornröschen" Filmgeschichte geschrieben.
"Dornröschen" von Paul Leni am Samstag (13.), 18 Uhr

 
 Leipziger Volkszeitung vom 2.10.2000

Matinee im Mendelssohn-Haus
:

Allen Demagogen zum Trotz - die Musik des Komponisten lebt

Tatsächlich, antisemitische Vorbehalte musste Felix Mendelssohn Bartholdy auch als Gewandhauskapellmeister in einer Leipziger Zeitung über sich ergehen lassen. Doch die heftigen Angriffe auf den von den meisten Leipziger Musikliebhabern gefeierten Komponisten, Dirigenten und Musikorganisator begannen erst nach seinem Tod in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihren schlimm-fatalen Höhepunkt erreichten sie mit dem Verbot der Musik Mendelssohns in Hitler-Deutschland und der Zerstörung des Denkmals vor dem "zweiten" Gewandhaus in Leipzig.
Rainer Hauptmann, Gründer, Dramaturg und künstlerischer Leiter des kulturellen Netzwerkes "Die Cavallerotti" in Frankfurt a. M., trug in der Matinee "Diese Musik wurde ermordet" im Mendelssohn-Haus sachlich und beweiskräftig Fakten vor. Dabei hatte er zuletzt das ebenfalls beschämende Kapitel "Die Jahre 1945-1997" zu beleuchten. Es zeigt die pseudomusikwissenschaftlichen Demagogen des braunen Reiches in den alten Bundesländern weiter ungehindert in Musikgeschichten und Lehrbüchern am Wirken - im Gegensatz zu Georg Kneplers fundiertem Mendelssohn-Bild in der "Musikgeschichte des XIX. Jahrhunderts" (Henschel-Verlag Berlin, 1961/62) und der Mendelssohn-Pflege vor allem des Leipziger Gewandhauses, besonders unter Masur.
Junge Künstler der Frankfurter "Cavallerottis", Judith Bauer (Sopran), Sandra Fathali (Mezzosopran), Stephan Volkheimer (Bass), Tibor Stettin und Alexandra Kalbe (Klavier) boten an diesem anregenden Vormittag mit großer innerer Bewegtheit und starkem Ausdruck Lieder, Duette und Klavierstücke Mendelssohns, die auch während der braunen Jahre nicht zu ermorden waren: Weil sie dem Verbot zum Trotz in der deutschen Musikkultur fest verwurzelt sind und aus der Hausmusik nicht verbannt werden konnten.
Werner Wolf

 
 Leipziger Volkszeitung vom 29.09.2000

Sonntagsmusik im Leipziger Mendelssohn-Haus

Gegen Demagogen-Nachlass


Den nahe liegendsten Veranstaltungsort hat sich das Kulturnetzwerk "Die Cavallerotti e.V." aus Frankfurt am Main für sein Programm ".Diese Musik wurde ermordet!' Felix Mendelssohn-Bartholdy: Leben und Werk im Lichte antisemitisch-musikwissenschaftlicher Demagogie" ausgesucht. Im Mendelssohn-Haus in der Goldschmidtstraße erinnert die Kulturkooperative am kommenden Sonntag ab 11 Uhr an den in Leipzig von 1835 bis 1847 lebenden und tätigen Komponisten und Gewandhauskapellmeister, der Jüdischen Glaubens war. "Deshalb sind Person und Werk Mendelssohns auch heute noch immer den Nachwirkungen zwiespältiger Einschätzungen unterworfen", sagt Rainer Hauptmann von "Die Cavallerotti".
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts heftete chauvinistisches Gerede vom "Judenthum in der Musik" Mendelssohns Werken den Ruf von Glätte, perfektionistischer Kälte und leerer Formelhaftigkeit an. Unter nationalsozialistischer Diktatur dürfte seine Musik gar. nicht mehr zur Aufführung gebracht werden.
Neben musikhistorischen Darlegungen werden die Kompositionen Duette op. 63, Solo-Lieder der Geschwister Mendelssohn und das Rondo capriccioso E-Dur op. 14 dargeboten. Die Ausührenden sind Absolventen und Studenten im Fach Gesang und Klavier der Musikhochschule Frankfurt am Main sowie Gesangspädagogen der Frankfurter Oper.
r.

 
 Wetzlarer Neue Zeitung vom 16.05.2000

Dornröschen" im Wetzlarer "Franzis"

Untermalende Musik steigerte die Faszination des Stummfilms

Wetzlar (ro). Laute Fanfarenstöße ertönten beim Eintritt des Königs, romantische Melodien untermalten seine ersten Treffen mit der Königin, und waidmännische Klänge riefen zur Jagd - wer erwartet hatte, die Vorführung eines Stummfilms verlaufe ohne Geräusche, der wurde im "Franzis" eines Besseren belehrt.
Sechs Musiker des hessischen Jugendsinfonie-Orchesters waren zu Gast, um unter der Leitung von Natalie Schwarzer den 1917 uraufgeführten Märchenfilm "Dornröschen" musikalisch zu untermalen und dramaturgisch zu unterstützen.
Mit zwei Violinen (Florian Trappe, Christoph König), Viola (Gundula Baun), Cello (Johanna Zur), Klarinette (Balthasar Hens) und Trompete (Frank Buchner) intonierten sie sehr einfühlsam die einzelnen filmischen Passagen.
Dies war keine leichte Aufgabe für die versierten Musiker, denn nur die Dirigentin hatte einen freien Blick auf die große Leinwand. Der 45-minütige Film von Regisseur Paul Leni mit Mabel Kaul als Dornröschen in der Hauptrolle faszinierte die Besucher durch seine naiven Märchenszenerien ebenso wie durch die aufwändigen, nach spätgotischen Vorbildern gefertigten Innendekorationen und die in ihren Einzelheiten liebevoll ausgestaltete Garderobe der Darsteller.
Damit hat Leni auch beim heutigen Publikum sein Ziel erreicht. Der Regisseur sah in der Ausstattung des Raumes und der handelnden Personen die zentralste Aussage des Mediums Film. Doch nicht nur die Ausstattung war imposant: Paul Leni arbeitete in dem aufwändigen Film mit einem großen Ensemble, das den Hofstaat darstellte.
Im Vorprogramm zeigten die Veranstalter zwei Kurzfilme aus den 30er Jahren. "In der Nacht" trug den aussagekräftigen Untertitel "a musical film fantasy" und verband Klavierspiel und das Element Wasser. Trickfilm-Elemente, Schattenspiele und Phantasien mischten sich in "Die Nacht auf dem kahlen Berg".

 
 Wiesbadener Tagblatt vom, 15.12.1999

Nicht mehr stumm

Caligari: Lotte-Reiniger-Filme mit neuer Musik

dh. Wiesbaden soll wieder Filmstadt werden. Das zumindest beabsichtigt der ehemalige Chefdramaturg des Staatstheaters, Gunter Selling, mit dem geplanten Start einer Reihe "Stumm-Filme mit Live-Musik" an der Filmbühne Caligari. Zum Auftaktstand nun, eine Serie von Scherenschnittfilmen der Berliner Trickfilmschöpferin Lotte Reiniger auf dem Programm.
Als Pionier auf diesem Gebiet begann sie 1919 mit den ersten Arbeiten und vollendete bis zu ihrem Tod im Jahre 1981 über 40 Werke im Bereich Film, Fernsehen und Schattentheater. In Wiesbaden kamen nun in Zusammenarbeit von Kulturamt und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit liebevoll gestaltete Märchenfilme zur Aufführung, für die eigens eine neue Musik komponiert wurde. Für diesen Auftrag konnte der renommierte Münchner Komponist Enjott Schneider gewonnen werden, der in sehr individuellen Zügen die einzelnen Charaktere treffsicher nachzeichnete und dabei doch nie den Zusammenhang ausblenden musste.Unter der musikalischen Leitung von Nathalie Schwarzer entwickelte das Ensemble so eine ganz eigene Dynamik, die in Kombination mit den lebendig wirkenden Sche-renschnitten einen spannungsvollen Dialog erzeugte.
Heinz Lyko (Akkordeon), Balthasar Hens (Klarinette), Udo Diegelmann (Schlagzeug), Christoph Klein (Viola), Johanna Zur (Violoncello) und Jörg Mühlhaus (Kontrabass) erwiesen sich, teilweise bereits filmerprobt, als bewusst und professionell agierendes Begleitensemble. Die teilweise sekundengenau auf, den Effekt ausgerichtete Musik wollte nicht nur musikalisch geführt, sondern auch exakt im Tempo gehalten werden. Beides gelang souverän. Dabei zeigten die Musiker ein hohes Maß an stilistischer Flexibilität.
Ein wenig von dieser künstlerischen Überlegenheit hätte auch Sprecher Benjamin Krämer-Jenster vom Wiesbadener Staatstheater sicherlich gut zu Gesicht gestanden. Einen durchaus dilettantischen Fehler der Technik nahm er zumindest zum Anlass, während der Vorstellung des "Aschenputtel" wütend lärmend den Saal zu verlassen. Ein Verhalten, das trotz des berechtigen Ärgers kaum für angemessen und tragbar gehalten werden kann.
Allerdings gab dieses Intermezzo Gelegenheit dafür festzustellen, dass die gesprochenen Texte zumindest bei den bekannten Märchenfilmen "Der gestiefelte Kater" und "Däumelinchen" mehr störend wirkten, als dass sie zum Genuss der Werke beitrügen. Zumal es sich auch weder um Originaltexte, noch um übernommene Bearbeitungen der jeweiligen "Autoren" handelte. Dennoch: Der Auftakt der Reihe ist durchaus geglückt.

 
 Wiesbadener Tagblatt vom 15.12.1999

Musik-Premiere bei stummen Bildern

Scherenschnitt-Filme von Lotte Reiniger sind in der kommunalen Filmbühne "Caligari" zu sehen

dh. - Die Verquickung ganz unterschiedlicher kultureller Ausdrucksformen und Interessen hat sich ein Gemeinschafts-Projekt der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und des Kulturamtes auf die Fahnen geschrieben. Am Montag, 13.Dezember, wird um 19 Uhr in der Filmbühne Caligari eine Auswahl von Scherenschnittfilmen der Berliner Filmemacherin Lotte Reiniger zu sehen sein. Die Schülerin von Max Reinhardt verließ Deutschland 1936 mit der Begründung, dass "mir diese Hitler-Veranstaltung nicht passte und weil ich sehr viele jüdische Freunde hatte, die ich nun nicht mehr Freunde nennen durfte."
Hier ist auch der Anknüpfungspunkt, den Ines Henn, Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, sah, als der ehemalige Chef-Dramaturg des Staatstheaters, Gunter Selling, mit diesem Projekt an sie herantrat. Gerade das von Gegnern des nationalsozialistischen Regimes heute oft in Vergessenheit geratene Kulturgut gilt es für sie zu fördern. Die Aufführung kurzer Märchenfilme und des längeren "Dr. Doolittle" ist darüberhinaus eine musikalische Premiere.
Die Musik wurde eigens von dem renommierten Münchner Komponisten und Kompositionsprofessor Norbert Jürgen "Enjott" Schneider geschaffen. In den vergangenen Jahren fiel er auch über den Kreis des Fachpublikums hinaus mit den Filmmusiken zu "Stalingrad", "Schlafes Bruder" und in diesem Jahr auch "23 - Nichts ist so wie es scheint" auf.
Stilistisch gerieten die Vertonungen ganz unterschiedlich, von rhythmisch betonter Klangkulisse über Jazz- und Swingelement bis hin zur 12-Ton-Partitur steht eine breitgefächerte Vertonung. So geht er auf die teilweise sehr weit auseinander liegenden Charaktere der Protagonisten auch musikalisch ein. Eine nicht ganz einfach zu lösende Aufgabe, hat doch dieses Projekt zudem den Anspruch der Nachwuchsförderung im musikalischen Bereich erhoben. Die Frankfurter Dirigentin Natalie Schwarzer (Mitglied des Netzwerks "Die Cavallerotti") kann hierbei auf einschlägige Erfahrungen verweisen.
Weitere Informationen erteilt die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit unter der Nummer 52 04 63.

 
 Wiesbadener Tagblatt vom 14.08.1999

Kreative Ideen mit einer inhaltlichen Substanz

Kooperative "Die Cavallerotti" will in Wiesbaden ein kulturelles Netzwerk zur Förderung des Nachwuchses aufbauen


dh. - Die Idee zur Wiesbadener Kulturkooperative "Die Cavallerotti" wurde im Oktober 1996 geboren. Seither bemüht sich der Zusammenschluss von Künstlern, Musikern, Filmschaffenden und Dozenten darum, ein kulturelles Netzwerk zu knüpfen, das Projekte und Initiativen mit Nachwuchstalenten unterschiedlicher Ausprägung ermöglicht. Angesprochen sind Künstler mit hoher Qualifikation, die jedoch aufgrund des "überfüllten Marktes" im konventionellen Rahmen bisher kaum Betätigungsfelder finden konnten. Gemeinsam soll innerhalb der Kooperative nach Formen gesucht werden, um eigenständige Projekte zu realisieren und somit den künstlerischen Dialog weiterzuentwickeln. Durch den Kooperativansatz könne auch mit wenig Geld aber viel Engagement erhebliches geleistet werden, so ist sich Rainer Hauptmann, Initiator und Leiter der "Cavallerotti" sicher.
Die bisher geleistete Arbeit gibt ihm dabei recht. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Filmkunde wurde im September 1997 der Paul-Leni-Film "Dornröschen" aus dem Jahre 1917, musikalisch begleitet von einer Komposition für Salonorchester des polnischen Komponisten Jerzy Skorsky, aufgeführt. Unter Leitung der Frankfurter Dirigentin Natalie Schwarzer spielten damals Mitglieder des Landesjugendorchesters Hessen. Mit diesem Programm gastierten die Musiker mittlerweile auch in Hamburg, weitere Gastspiele in Deutschland sind in Planung.
"Diese Musik wurde ermordet" hieß eine Kombination aus Lesung und Musikvortrag "mit der vor allem die antisemitischen Anfeindungen, denen sich der jüdisch-stämmige Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy ausgesetzt sah, näher beleuchtet wurden. Die Korrespondenz zwischen Vortrag und Musik, die Auseinandersetzung und nicht bloße Interpretation von Musik war ausschlaggebend bei den Veranstaltungen. Gerade ist die Produktion einer Dokumentations-CD abgeschlossen, die den Vortrag und den kompletten Liederzyklus op. 65 sowie das ursprüngliche Konzertprogramm beinhaltet. Die Doppel-CD soll nahezu zum Selbstkostenpreis vor allem an Bildungseinrichtungen abgegeben werden, um eine intensivere Beschäftigung mit dem Themenkomplex zu ermöglichen.
Rainer Hauptmanns Konzept bei allen Aktivitäten folgt einer eigentlich schlichten Formel: "Wir wollen Themen aufgreifen, die uns faszinieren." Heraus kommt wohl keine populäre Unterhaltung, denn "das können andere besser". Wohl aber entstehen im Verbund mit der Kulturkooperative kreative Ideen mit inhaltlicher Substanz. Die künstlerische Eigenständigkeit bleibt stets gewahrt, da die bewussten Altemativ-Modelle weniger dem ökonomischen Zwang als der konsequenten Realisierung der gesetzten kulturellen Ziele folgen. Dabei müssen die "Cavallerotti" auch nicht unbedingt im Vordergrund stehen. Oftmals reicht es, Kontakte herzustellen oder Denkanstöße zu geben.
So entwickelt sich zur Zeit ein immer weiter gespanntes Netz von Personen, Ideen und Projektvorstellungen. Hauptmann selbst zieht seine Motivation, oft auch langwierige Verhandlungen und organisatorische Vorhaben durchzustehen, aus einer ehrlichen Begeisterung. Lange Zeit arbeitete er in unterschiedlichen Funktionen auf und an der Bühne, bis er schließlich in einer freien Filmproduktion während eines Orchesterworkshops auf die Idee der Kooperative kam. Mittlerweile haben ihm seine Aktivitäten die Gelegenheit geschaffen, an einem Kulturmanagementstudium in München teilzunehmen, aber auch dort werden weiterhin die Fäden gesponnen.
Übrigens: "Cavallerotti" ist die Bezeichnung der als unzuverlässig, wankelmütig und kleinbürgerlich geltenden Parteigänger und Schwertleute im Italien des Trecento. Es handelte sich dabei um die unterste Oberschicht, die bei politischen Entscheidungen zumeist durch ihre Korrumpierbarkeit und Tücke auffiel und ihr Män-telchen in den jeweils wehenden Wind hing. Eine Anspielung, die bewusst mit einem augenzwinkernden Seitenhieb auf das Gerangel in der freien Kulturszene gewählt wurde, verrät Hauptmann.

 
 Frankfurter Rundschau vom 25.05.1999

Wenn der Frosch durchs Bild hüpft

Hessische Nachwuchsmusiker begleiten "Dornröschen"-Film im Hamburger Metropolis

Von Hans-Georg Moek
Natalie Schwarzer hebt den Taktstock und schaut in die Ecke, in der ein Fernseher auf zwei grüngepolsterten Holzstühlen ruht, die wieder auf einem Tisch stehen. Der Bildschirm flackert und läßt ständig das obere Drittel des Bildes nach links kippen. In dem kleinen Raum setzen vier Streicher den Bogen an, während Trompete und Klarinette weiter auf ihren Einsatz warten.
"Das ist nur ein schlechtes Proben-Video und hat nichts zu tun mit der Wirkung des Filmes auf der Großleinwand", flüstert Ralf Hauptmann. Er gehört zur Kulturkooperative Die Cavallerotti, die sich unter anderem die Förderung vernachlässigter hochwertiger Filmmusiken auf die Fahnen geschrieben hat. Er organisierte die Proben und den Übungsraum im Frankfurter Haus der Jugend und brachte die Dirigentin mit den Musikern des hessischen Jugendsinfonieorchesters zusammen. Heute Samstag, zwei Tage nach der Generalprobe, ist Aufführung im Kino Metropolis in Hamburg. Die laut Hauptmann "hochbegabten" Nachwuchsmusiker aus der hessischen Jugendauswahl - Cellistin Johanna Zur und Klarinettist Balthasar Hens waren Sieger beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" - untermalen musikalisch den Stummfilm "Dornröschen" von Paul Leni aus dem Jahre 1917.
"Die Filmmusik ist Ergebnis eines Eilauftrages vom Wiesbadener Staatstheateraus dem Jahre 1988", sagt Hauptmann. "Als der Film damals in das Stummfilmfestival aufgenommen werden sollte, wurde der polnische Komponist Jerzy Sokorski damit beauftragt, eine Filmmusik zu komponieren. Und dafür hat er zwei Wochen Zeit gehabt." Zwei Wochen für eine Musik, die obwohl fast durchgängig disharmonisch, doch geradezu poetisch melodiös drei oder vier ständig wiederkehrende Motive fugenartig in den verschiedenen Instrumenten wiederholt, variiert, umkehrt. Und die, obwohl modern, doch sensibel auf die alten Bilder zugeschnitten ist.
Als auf dem Bildschirm eine Fee durch das Bild schwebt, setzen die Streicher ein. Natalie Schwarzer hat das in ihrer Partitur vermerkt. An Notizen wie "Frosch hüpft durch's Bild" oder "Fee tritt auf" erkennt sie, an welcher Szene im Film sie sich befindet. Um die zweihundertmal hat sie das in ihrem Wohnzimmer trocken geübt, still vor sich hindirigierend vor einem lautlosen Fernseher. Heute abend wird's ernst in der Hansestadt. Aber Sorgen braucht sie sich da wohl kaum zu machen. Die sechs sind wirklich gut in Form.

 
 Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 14.12.1998

"Ambitio"-Kulturfestival im Tattersall Wiesbaden

tr. WIESBADEN. Ein Festival über verschiedene Aspekte der Jugendkultur vom Theater über Bands, Kammermusik bis hin zu Graffiti und Partys findet von morgen bis Freitag im Großen Tattersall an der Lehrstraße statt. Veranstaltet wird es vom Wiesbadener Jugendkulturverein "Ambitio". Zum Auftakt wird morgen um 19.30 Uhr die Foto- und Videodokumentation "Urban Design" von Manuel Gerullis und Bruno Bernhard eröffnet. Das Programm umfaßt auch die Wiederholung des kammermusikalischen Themenabends "Diese Musik wurde ermordet. Felix Mendelssohn Bartholdy: Komponist und Werk als Opfer antisemitisch-musikwissenschaftlicher Demagogie". Für Mittwoch, 11 Uhr, lädt "Ambitio" zu einem Informationsgespräch über seine Ziele und Vorstellungen für einen Jugend- und Kulturverein sowie über geplante Projekte ein. Am Abend stellt der Schauspieler Peter Lehmann seinen Monolog "Der Bataraz" nach dem gleichnamigen Roman von Mauricio Rosenhof vor. Anschließend ist eine Diskussion mit Künstlern und Zeitzeugen der chilenischen Diktatur unter Pinochet vorgesehen. "Tierisch allzu Menschliches" nennt der Kabarettist Konrad Jürgen Kleinicke sein Programm, das er am Donnerstag um 11 Uhr vorstellt. Am selben Tag beginnt um 20 Uhr der Mendelssohn-Bartholdy-Abend. Solisten des Gedenkkonzerts sind neben dem Referenten Rainer Hauptmann Judith Bauer (Sopran), Judith Reichenbach (Mezzosporan), Stephan Volkheimer (Baß) sowie Tibor Stettin (Klavier) und Alexandra Kalbe (Cello). "Kein Geld für Kultur" heißt ein Frühstücksgespräch tags darauf um 11 Uhr im Tattersall. Mit Wiesbadener Künstlern und Kulturschaffenden diskutieren Kulturdezernent Peter Riedle, Günther Gablenz vom Kulturausschuß, Markus Quiring von der Künstlervereinigung Kulturschmiede und andere. Eine Abschlußparty mit Live-Bandsund DJs beendet am Freitag von 20 Uhr an das Jugendfestival. Die "Urban Design"-Schau, die auch Graffiti, "Spray Can Art" und "Mobilien" vorstellt, ist bis zum 18. Dezember täglich von 5 bis 18 Uhr im Tattersall geöffnet.

 
 Wiesbadener Tagblatt vom 8.12.1998

Verschiedene Ansätze vereinen


"Ambitio" veranstaltet eine "Kleine Kulturwoche im Großen Tattersall"

rg. - Mit einem kontrastreichen kulturellen Angebot beendet die Wiesbadener Jugend- und Kulturvereinigung Ambitio unter dem Titel "Kleine Kulturwoche im Großen Tattersall" ihr erstes Wirkungsjahr. Die Veranstalter wollen damit die Brücke zwischen unterschiedlichen kulturellen Ansätzen schlagen, um sie gleichberechtigt nebeneinander zu stellen und ihre Vereinbarkeit unter Beweis zu stellen.
Begonnen wird am Dienstag, 15. Dezember, um 19.30 Uhr mit einer SprayCanArt- und Mobilienausstellung "Urban Design". Ausgestellt werden Werke der Wiesbadener Künstler Manuel Gerullis und Bruno Bernhard. Beide erkennen ein gesellschaftlich steigendes Bewußtsein für Licht und Farben, die "auf emotionaler, mentaler und physischer Ebene" wirken. Internationale bis lokale Strömungen dieser Kunstrichtung sind Thema der begleitenden Photo- und Videodokumentation.
Den Vormittag des 16. Dezembers nutzt Ambitio ab 11 Uhr für ein Informationsfrühstück mit Fragen und Gesprächen über Intentionen und Projekte des Verbandes. Am Abend tritt der international renommierte deutsch-chilenische Schauspieler Peter Lehmann um 20 Uhr mit seiner Theaterfassung des Romans "Der Bataraz" von Mauricio Rosenhof auf. Auf eindringliche Weise wird das Schicksal eines politischen Gefangenen unter der Diktatur Pinochets thematisiert. Im Anschluß an die Aufführung ist ein Austausch mit Zeitzeugen zur chilenischen Diktatur vorgesehen. Die Einnahmen aus der Veranstaltung sind für die Flutkatastrophenopfer in 0cotal/Nicaragua vorgesehen.
Konrad-Jürgen Kleinicke präsentiert am Donnerstag, 17. Dezember, um 11 Uhr in einem "Kabarett am Vormittag" sein Programm "Tierisch allzu Menschliches". Geboten werden "Vergnügliche Nachdenklichkeiten" mit Texten prominenter Autoren sowie Chansons und eigenen Improvisationen. Der Abend ist ab 20 Uhr dem Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy gewidmet. In einem musikhistorischen Vortrag von Rainer Hauptmann und einem Konzertteil mit jungen Musikern der Region werden Werk und Person im Lichte antisemitisch-musikwissenschaftlicher Demagogie" beleuchtet.
Am folgenden Freitag, 18. Dezember stehen Wiesbadener Politiker Rede und Antwort zu der Frage "Kein Geld für Kultur?". Neben verschiedenen Akteuren der Wiesbadener Kulturszene haben Kulturdezernent Peter J. Riedle und der SPD-Vertreter im Kulturausschuß, Günther Gablenz. ihre Teilnahme zugesagt. Angefragt wurde auch die Kandidatin der Grünen für das Kulturressort, Rita Thies.
Die Programmreihe endet um 20 Uhr mit einer Abschlußparty "Nightmare before Christmas", die gemeinsam mit der Jugendausbildungsgruppe des Vereins "Hilfe für Kinder und Jugendliche" durchgeführt wird.

 
 Wiesbadener Tagblatt vom 23.09.1998

Caligari: Stummfilm mit Musik

gw.
- Erst schweben tanzende Linien und graphische Gebilde als "Studie 7", "Komposition in Blau" oder "optisches Poem" von Oskar Fischinger über die Leinwand. Dann heißt es "so ward sie Braut" und die Großmutter mit Häubchen erzählt den Enkelkindern die Mär vom Dornröschen. Gar zierlich schreiten Hofdamen und Königin. "Ein kluges Fröschlein durfte sie erschauen", verkündet die nächste Texttafel. Kurz darauf wandelt das holde Prinzeßlein Dornröschen als einzige Filmfigur immerfort barfüßig umher. Ansonsten wurde an der Ausstattung schon 1917 nicht gespart. Herolde reiten mit unüberhörbarem "Hufgetrappel" aus und trompeten die gute Nachricht dem Volke in die Ohren.
Hübsche Idee des kürzlich gegründeten kulturellen Netzwerkes "Die Cavallerotti", gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Filmkunde Paul Leni's Stummfilm-Klassiker "Dornröschen" mit seinen heute unfreiwillig komisch wirkenden, hochdramatischen Szenen und Klischees in der FilmBühne Caligari zu präsentieren. Als Auftragswerk für die Internationalen Maifestspiele 1988 hatte der auf der Krim gebürtige Komponist Jerzeij Sokorski eine gefeierte, den Märchenfilm lyrisch und zart ironisch akzentuierende Begleitmusik für Streicher, Klari-nette und Trompete geschrieben (wir berichteten). Moderator Stephan Volkheimer konnte mit sonorer Stimme den polnischen Komponisten Jerzeij Sokorski und (als Überraschungsgast) seine an der Gelsenkirchener Oper engagierte Tochter Jagno Sokorski-Kwika begrüßen.
Nach der Filmvorführung wurde der Komponist zum pianistischen Begleiter von Nachwuchs-Mezzosopranistin Sandra Reichard und der mit farbenreichem Sopran für sich einnehmenden Jagno Sokorski-Kwika. Wie seine polyphon durchwirkte Musik zum Märchenfilm, bestechen auch die vertonten Poeme von Kazimera Illakowicz und Boleslaw Lesmian durch romantische Facetten in ihrer Melodik.
Im Gespräch mit dem gewitzten Zeitzeugen Sokorski, der die deutsche Sprache hervorragend beherrscht, lobt der vitale 82jährige die einfühlsame Präzision der Dirigentin Natalie Schwarzer und das homogen agierende Ensemble des Landesjugend-Symphonieorchesters Hessen. Daß der Pianist gerade Werke von Joseph Conrad vertont, deutet die Tochter nebenbei an. Im März des nächsten Jahres soll es ein Wiederhören in Wiesbaden geben, versprechen Vater und Tochter beim Abschied.

 
 Wiesbadener Kurier vom 23.09.98

Küßchen - nicht nur für Dornröschen

FilmBühne Caligari: Stummfilm mit Live-Musik

Die Wiesbadener Premiere des stummen Dornröschens mit Orchesterbegleitung fand während der Maifestspiele 1988 statt. Da die Originalmusik des vom Maler und Filmarchitekten Paul Leni bereits 1917 inszenierten Märchenstoffes verlorengegangen war, beauftragte das Hessische Staatstheater den in Piastow/ Warschau lebenden Jerzy Sokorski mit einer neuen musikalischen Illustration des tonlosen Kostümschinkens.
Aus den Archiven der Wilhelm-Murnau-Stiftung wurde Lenis Stummfilmrarität jetzt wieder ausgegraben und vom Deutschen Institut für Filmkunde in Zusammenarbeit mit der Kulturkooperative "Die Cavallerotti" in der FilmBühne Caligari präsentiert als Auftakt zu mehreren Stummfilmprojekten, bei denen die gewohnte Klavierbegleitung von anderen Instrumenten und Ensembles ersetzt wird. Oskar Fischingers abstrakte "Studien & Optical Poems" aus den Zwanzigern und Dreißigern boten die adäquate Einstimmung auf eine reizvolle Mischung: 80 Jahre alter Film trifft zehn Jahre alte ausdrucksstarke, poetische Musik Sokorskis.
Gemeinsam mit Tochter Jagna Sokorska-Kwika war der 1916 auf der Krim geborene Sokorski zur deutsch-polnischen Begegnung angereist, die erneute "Dornröschen''-Aufführung mitzuerleben und nach dem 45minütigen Streifen Sängerin Sandra Reichard und Tochter am Flügel beim Vortrag einiger seiner Lieder zu begleiten. Von Altersmüdigkeit keine Spur beim Auftritt des junggebliebenen Charmeurs, der sich auf der Bühne noch immer wohl fühlt, vor allem in Gesellschaft geballter Weiblichkeit. Dirigentin Natalie Schwarzer, die mit sechs Mitgliedern des Landesjugend-Symphonie-Orchesters über zwei Monate lang Sokorskis Musik einstudiert hatte, wurde dann genauso mit Küßchen bedacht wie die Solistinnen.
Noch am Morgen hatte der vitale 82jährige ("Musiker und Komponisten müssen immer aktiv bleiben, das ist keine Frage des Alters, sondern des Willens") kurzentschlossen verschiedene Texte seiner neueren Kompositionen vom Original ins Deutsche übersetzt, um Sandra Reichard das "doch sehr schwierige Polnisch zu ersparen". An seiner eng an die optischen und dramaturgischen Vorgaben des Films angelehnten Partitur würde er auch heute nichts ändern, obwohl er vor zehn Jahren unter immensem Druck komponieren mußte: "Erst meine Tochter brachte mir den auf Video überspielten Film mit nach Warschau, als ich dann endlich einen Recorder besorgt hatte, blieben gerade noch 14 Tage bis zum Aufführungstermin".
An Ruhestand denkt Sokorski nicht: Gerade hat er in neun Heften Werke der bekanntesten polnischen Dichter des 20. Jahrhunderts zu "Polnischer Poesie in Liedern" verarbeitet, wenn er nicht selbst unterwegs ist, begleitet er seine Frau, die als Sopranistin auch auf deutschen Bühnenstand, zu Gastspielen, "auch wenn die ganz hohen Sopranstücke nicht mehr machbar sind, immer noch ein Vergnügen". Der nächste Termin in Wiesbaden - zusammen mit Tochter Jagna - steht auch schon: für März 1999 plant man in der Villa Clementine eine Sokorski-Soiree mit Kammermusik und einem Liederzyklus.
Peter Müller

 
 Wiesbadener Kurier vom 17.09.1998

Stummes "Dornröschen" mit Musik

Filmprojekt im Caligari / Komponist Sokorski kommt nach Wiesbaden

Seit 1980 sorgt das Deutsche Institut für Filmkunde dafür, daß in Wiesbaden das Genre Stummfilm zu seinem Recht kommt, immer wieder hat es dabei auch Aufführungen mit Musikbegleitung gegeben. Dieses soll künftig verstärkt der Fall sein, allein für die nächsten Monate sind sieben Termine angekündigt. Nicht nur ein Mann am Klavier wird dann für den richtigen Ton sorgen, auch Aufführungen mit anderem Instrumentarium und Ensembles sind vorgesehen.
Den Anfang macht am Montag, 21. September, um 19.50 Uhr die Präsentation von Paul Lenis Märchenfilm "Dornröschen" von 1917 mit der Musik von Jerzy Sokorski aus dem Jahr 1988. Es spielen Mitglieder des Landesjugend-Sinfonieorchesters unter der Leitung von Natalie Schwarzer, die in den vergangenen zwei Monaten mit einem Ensemble aus Streichquartett, Trompete und Klarinette das Werk einstudiert hat, das in Wiesbaden vor genau zehn Jahren bei den Internationalen Maifestspielen als Uraufführung zu hören war. Bei Sokorskis Arbeit handelt es sich nämlich um eine Auftragsproduktion, die damals vom Staatstheater und dem Deutschen Institut für Filmkunde an den polnischen Komponisten vergeben worden war. Dieser wird zur Wiederaufführung seiner Musik am Montag in der FilmBühne Caligari anwesend sein und nach dem knapp 50minütigen Streifen auch noch als Musiker zu hören sein: Er wird am Flügel die Sängerin Sandra Reichard begleiten, die drei seiner Lieder vortragen wird.
Die Veranstaltung entstand aus einer Zusammenarbeit des Deutschen Instituts für Filmkunde mit der Kulturkooperative "Die Cavallerotti - das kulturelle Netzwerk", die vor allem im "Frankfurter Raum tätig ist. Vor zwei Jahren wurde sie gegründet, ist derzeit vom lockeren Zusammenschluß Kulturinteressierter zu einem Verein unterwegs und stellt nun im Caligari ihr erstes Projekt vor. Ein weiteres in Wiesbaden ist bereits fest geplant: Am 5. November ist die Villa Clementine für eine Soiree mit Werken von und Erläuterungen zu Felix Mendelssohn-Bartholdy gebucht. Das "Dornschen"-Projekt will man in ganz Deutschland zu Gesicht und zu Gehör bringen, erste Kontakte sind bereits geknüpft, über das deutsche Institut für Filmkunde sollen weitere folgen.
GK

 
 Wiesbadener Tagblatt vom 17.09.1998

Altes Märchen mit neuer Musik


Kompositionen von Jerzy Sokorski zum Stummfilm "Dornröschen"

gw. - "Dornröschen", Paul Leni's Stummfilm-Rarität von 1917, geht mit Live-Musikbegleitung am 21. September um 19.50 Uhr im Caligari über die Filmbühne (wir berichteten). Vor genau zehn Jahren hatte der 82jährige Komponist Jerzy Sokorski aus Piastow/Polen im Auftrag der Maifestspiele des Staatstheaters Wiesbaden den Stummfilm musikalisch zum Leben erweckt. Der auf der Krim geborene Zeitzeuge Sokorski ist im Caligari zu Gast und stellt am Piano nach der knapp einstündigen Vorführung mit der Sängerin Sandra Reichard einige Eigenkompositionen vor. "Es soll auch eine deutsch-polnische Begegnung werden", wünscht sich Rainer Hauptmann vom kulturellen Netzwerk "Die Cavallerotti" als Veranstalter der ungewöhnlichen Co-Produktion mit dem Deutschen Institut für Filmkunde. Dirigentin Natalie Schwarzer sammelte Erfahrungen mit der Jenaer Philharmonie und leitet das Kelkheimer Kammerorchester.
Als außerordentlich reizvoll empfindet die Dirigentin die "interessante Zusammenstellung der erst zehn Jahre alten, ausdruckstark poetischen Musik mit dem 80 Jahre alten historischen Film". Die zweimonatige Probenzeit mit sechs Mitgliedern des Landesjugend-Symphonie-Orchesters Hessen konzentriere sich auch auf die so schwierigen, hohe Präzision verlangenden Einsätze zu den mit Texttafeln unterlegten Spielszenen: "Der wunderschöne Märchenstoff wird durch die Musik von Jerzy Sokorski emotional ausgemalt."
Gerne möchten "die Cavallerotti", die ihren ironischen Namen den mittelalterlichen Stadtsoldaten der Sparte Maulhelden entlehnt haben, nach erfolgreicher Premiere ihr Stummfilmprojekt auch in Bonn, Hamburg, Leipzig und anderen Spielorten zeigen. Und für den 5. November ist in der Villa Clementine eine Matinee als Hommage an Mendelssohn-Bartholdy geplant.

 
 Gelnhauser Tageblatt vom 13.11.1997

Erinnerung an einst geächtete Werke


Konzert in der ehemaligen Synagoge rief während NS-Zeit verbotene Musik ins Gedächtnis zurück - "ProOpera" brillierte

GELNHAUSEN (gt). Um ab dem Jahr eins seines "tausendjährigen Reiches" das Braun der Dreißiger im Knobelbecher-Marschschritt festzustampfen, mußte man zuerst mit scharfen Mitteln das Gold der Zwanziger als dem freiheitlichen Deutschlands in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, abschmirgeln: Ob per antisemitischer Hetze oder nach selbstgeprägter Skala einfach als "undeutsch" oder "nicht völkisch" abservieren.
Wie fließend die Übergänge, wie ambivalent die Positionen, wie unfaßbar die Gesamtheit von Weltgeschehen wie Realität speziell der Musikwelt von 1933-45 waren, zeigte die Gelnhauser Operncom-pagnie "ProOpera" in der Ehemaligen Synagoge zum Jahrestag der "Reichskristallnacht" in einem eindringlichen, mit die Ziel vor sechs Jahrzehnten vergegenwärtigenden Lesungen durchsetzten Gedächtniskonzert auf.
Das Gedenken an die im Dritten Reich unterdrückten Musiker kann nicht immer nur in Tönen der Depressivität zurückgerufen werden. Wenn die Sängerin Jacqueline Balazs mit Emmerich Kalmans "Höre ich Zigeunergeigen" quirlig und rasant durch den Raum wirbelt, mit frischer Mimik und gänzlich unaffektierter, quicklebendiger Fröhlichkeit die erfrischenden Melodien in klaren Klang und belebte Szene umsetzt, dann wird im lebendigen Beispiel vor Augen geführt, welche lebensnahe, entspannende und einfach nur "schöne" Kunst da plötzlich unter ein unmenschliches Veto fiel, und während Kalman ja immerhin den Krieg überstand, starb sein Kollege Leon Jessl ("Schwarzwaldmädel") hinter nationalsozialistischen Gefängnismauern.
Anton von Weberns Musik ist da noch ein anderes Kaliber, das allerdings viel von ihrer per Interpreten oft aufgedrückten Sperrigkeit verliert, wenn sie so impulsiv und plastisch vorgetragen wird wie in der spannenden, von musikalisch-intellektueller Einsicht in die Prinzipien der Partitur geprägten Darstellung der Variationen op. 27 durch den Pianisten Oliver Fürbeth. Felix Mendelssohn-Bartholdy war unter den Verbotenen der erste nach dem Krieg wieder voll Eingegliederte, und Hans-Walter Richter gab sanft und schön melodisch einen Viererblock überwiegend bekannterer Mendelssohn-Klavierlieder. Das Werk von Bernhard Sekles (1873-1934), dem zur Einleitung des Abends der Musikwissenschaftler Ralph Philipp Ziegler die menschlich-historische Hommage "Gedanken an Bernhard Sekles. Einen ihrer" widmete, hat sich nie vom Veto im Dritten Reich erholt. Markus
Mathiesl gab zwei atmosphärenreiche Klavierlieder nach Rücken-Texten, von denen speziell das fast impressionistische "In Meeresmitten" durch den klangvollen, sicher geführten Bariton ein- und ausdrucksvoll zur Geltung kam. Paul Hindemith schließlich hat sich nur durch seinen musikalischen Freigeist unbeliebt gemacht, und gerade die "English Songs", von denen Sandra Reichard drei mit Klang und Charme vortrug, machen deutlich, wie sehr der gebürtige Hanauer (und Sekles-Schüler) auch noch im leicht zeitgenössisch gelösten Romantischen neue Ausdrücke finden konnte.
Zum Finale spielte das "Bemardel-Quartett" den ersten Satz aus Shostakovichs "Siebtem" - transparent, charakteristisch und voller Energie eine prägnante und eindrückliche Darstellung durch die jungen Musikerinnen. Jacqueline Balazs beinahe pur lebhafter Mahler, ihr hochemotionaler Weill ("Surabaya-Johnny") oder der erste Satz aus Mendelssohns Quartett op. 44 Nr. 2 rundeten ein qualitätvolles Musikprogramm mit feinsinnigen Ereignissen ab. Damit nichts "einfach nur schön" blieb, konfrontierte Rainer Hauptmann die Musik auf Schritt und Tritt mit authentischen Zitaten aus der politischen Geschichte Gelnhausens und der Musikgeschichte allgemein. Petra Graf kommentierte in der reflektierenden Zeilen per Gedichten von Heym, Celan und Heine, beide mit Persönlichkeit und Sinn für die historische Qualität der Textaussagen. Es wurde zum schönen und schlimmen, zum lustigen und schrecklichen Abend, vor allem aber zu einer herzlichen Erinnerung.

 
 Dillenburger Zeitung vom 21.5.1997

Dillenburger Musikexperiment fand aufmerksames Publikum

DILLENBURG (cph) - "Die gleich zu hörende Musik wird nicht schön im überlieferten Sinne sein. Wer sein Ohr dem Pianissimo und öfters auch dem äußersten Fortissimo, Schreien und Flüstern öffnet, wer sich so einläßt auf Ungewohntes und dadurch vorsichtig Abstand nimmt von Allzuvertrautem, wird vielleicht am Ende des Konzertes sagen können: ich habe meine Eindrücklichkeit, meine Musik-Eindrücke erweitert, vielleicht bereichert". Mit diesen Worten eröffnete Kantor Karl-Peter Chilla das Konzert "Klang Szenen" mit dem Trio con tempo in der evangelischen Kirche Dillenburg, das "Pilot-Charater" haben sollte.
In der Tat kam dann auf die Zuhörer eine für die meisten ungewohnte und fremde Musik zu. Schon die Besetzung des Ensembles "con tempo" mit dem Countertenor Ralph Mangelsdorff, dem Schlagzeuger Udo Diegelmann und dem Komponisten und Klangregisseur Andreas H. H. Suberg war überraschend. Ralph Mangelsdorff, der im vergangenen Jahr in Dillenburg als "Schwan" in der Aufführung der "Carmina Buran" begeistert hatte, hat sich nach seinem Studium auf mittelalterliche und zeitgenössische Musik spezialisiert. Seine beeindruckenden stimmlichen Fähigkeiten wurden bereits im ersten Stück des Konzertes "Meine Zelt als Idiot" von Axel Gutzler deutlich. Das Stück wurde 1989 In der Alten Oper in Frankfurt uraufgeführt und arbeitet hauptsächlich mit "verkomponierten" Samples, das sind Klänge, die im Ursprung auf natürliche Materialien zurückgehen. Vom leise geflüsteren Beginn steigerte sich das Werk bis hin zu Schreien und Anklänge an Popularmusik.
Das zweite Werk des Abends "Kassandra" von Ianis Xenakis beeindruckte allein schon durch die enormen physischen Anforderungen an Sänger und Schlagzeuger. "Kassandra" ist der Dialog der von Agamemnon als Beute vom trojanischen Krieg mitgebrachten Kassandra mit dem Chorführer. Wie in der alten Tragödie werden beide Rollen von einer Person vorgetragen. Mangelsdorff fesselte die Zuhörer mit theatralisch vorgetragenen, höchsten ekstatischen Gesängen der Kassandra, um sofort im Anschluß in die Baßrolle des Chorführers zu schlüpfen. Trotz der hervorragenden gesanglichen Leistung Ralph Mangelsdorffs und der präzisen und engagierten Begleitung durch den Schlagzeuger Udo Diegelmann störte hier die Oberlänge des Werkes.

Wohlgesetzter Kontrast
In scharfem wohlgesetztem Kontrast, sozusagen als Zentrum des Konzertes folgte aus "Musik für die Messe" ein mittelalterlicher Gesang "Personarum trinitatem" für Countertenor und Schlagwerk. In schwingenden Phrasen verkündete Mangelsdorff diesen Pfingstlichen Gesang von der Kanzel, von Udo Diegelmann am Schlagwerk begleitet.
Andreas Subergs "De metalli" wurde von ihm selbst zu Beginn erläutert: De metalli = "Von den Metallen" meint hier die Edelmetalle wie Gold oder Geld allgemein, die das Wesen der Menschen verderben. Ausgangspunkt für seine Komposition war eine der 166 Prophezeiungen von Leonardo da
Vinci. Diese Prophezeiungen wurden bei Hofe zur Unterhaltung vorgetragen. Die dann vom Tonband zu hörenden Klänge waren ausschließlich Aufnahmen von Schlaginstrumenten, die im Tonstudio verändert wurden. Diegelmann hat für die Herstellung der Bandvorlage eineinhalb Jahre im Studio experimentiert. Was dann als Klangerlebnis auf die Zuhörer zukam war eine ausgesprochen spannungsgeladene abgerundete Komposition, die durch die drei Ebenen elektronischer Klang, Countertenor und Schlagzeug fesselte. Den Schluß des Konzertes bildete eine Uraufführung des Schlagzeugers Udo Diegelmann: "Fellzeitbänder". Dieses Werk für Countertenor, fünf Fellinstrumente und Tonband ist ein Werk der Minimal-Art, oder "Meditationsmusik". Das musikalische Material wurde hierbei auf ein Minimum reduziert. Während das Tonband die rhythmische Vorgabe unablässig wiederholt, begann Udo Diegelmann mit seinem Schlagzeug eine Phasenverschiebung zu diesem Rhythmus, so daß sich Überlagerungen ergaben. Der dazu vom Countertenor vorgetragene Text bezog sich inhaltlich auf das Wesen dieser Meditationsmusik: "Zeit im Fluß der Veränderung...". Ein die Zuhörer packendes Werk, bei dem sich Sänger und Schlagzeuger in enormer Konzentration ergänzten.
Die Zuhörer dankten am Schluß mit ihrem Applaus für ein Konzert, das durch seine Vielschichtigkeit und Farbigkeit beeindruckte und das durch hohe Professionalität und eine konzentrierte Ausführung, fast schon eine "Besessenheit" bestach. Die Idee Pfingst-Konzerte mit "Neuer Musik in der Kirche" zu veranstalten, sollte auf alle Fälle weitergeführt werden.

 
 Dillenburger Post vom 20.5.1997

Ungewöhnliche, aber interessante Klänge in der evangelischen Stadtkirche

Das Trio "con tempo" präsentierte den Dillenburgern zeitgenössische Musik

DILLENBURG (sah) Mit dem Konzert "Klangszenen" des Trios "con tempo" begann am Sonntag in Dillenburgs evangelischer Stadtkirche eine Reihe, die es allen Interessierten im heimischen Raum ermöglichen soll, sich mit neuer Musik zu beschäftigen.
Faszinierende, wenn auch komplizierte Klänge konnten die rund 50 Zuhörer am Pfingstsonntag erleben. Erleben ist in diesem Zusammenhang das richtige Wort, denn, wie Kantor Karl-Peter Chilla in seinen Eingangsworten feststellte, "verbieten die Stücke analytisches Hinhören". Diese Musik wolle nicht im überlieferten Sinne "schön" sein, könne aber die Musik-Eindrücke jedes einzelnen verändern und vielleicht sogar bereichern.
Zu Beginn des Konzerts galt es für das Publikum, sich einzuhören in diese neuartige Musik mit ihren "durch Elekronik veränderten, verfärbten, verfremdeten Klängen", wie Chilla den Gästen erklärte. Schon das erste Stück verlangte den Zuhörern enorme Konzentration ab.
"Meine Zeit als Idiot", 1988 von Axel Gutzler geschrieben, wechselt zwischen leisem Sprechgesang, lautem Gesang und plötzlichen Stimmen und Sprachengewirr. Arrangiert ist das Stück für Countertenor, Schlagzeug und Live-Elektronik; es ist angelehnt an eine Kurzgeschichte. Interessant dabei sind auch die eingebauten "Samples", die auf Holz, Glas und Metallmaterial zurückgehen.
Für den Gesang ist bei "con tempo" Countertenor Ralph Daniel Mangelsdorff zuständig, der sich neben der zeitgenössischen Musik auch auf Mittelalter und Barock spezialisiert hat. Udo Diegelmann, Schlagzeuger und Perkussionist, beschäftigt sich ebenso mit Jazz und Freier Improvisation. Er ist Mitglied namhafter Ensembles, Solokünstler, Dozent und Komponist. Andreas H.H. Suberg ist Komponist. In seinem Gesamtwerk finden sich neben der zeitgenössischen Musik und der Arbeit mit Glas und dessen Synthese mit Elektronik, auch Solo-, Kammer-, Theater- und Filmmusik.
Das Ensemble wurde 1995 für die Uraufführung des Stücks "De metalli" gegründet und kann seitdem auf eine erfolgreiche Karriere mit Auftritten auf Festivals und bei den "Tagen für neue Musik" verweisen.
Als zweite Komposition präsentierten die Musiker den Zuhörern "Kassandra" von Iannis Xenakis. In lautem Fortissimo konnte man aus den Klängen der modernen Komposition immer wieder die Rufe der Unglücksbotin vernehmen, die ihr Volk vor der bevorstehenden Katastrophe warnt.
Das dritte Stück "Personarum trinitatem" dürfte dem heimischen Publikum am ehesten zugänglich gewesen sein, konnte man doch kirchenmusikalische Klänge vernehmen und sich bei harmonischen Klängen entspannen.
"De metalli" von Andreas Suberg behandelte anschließend die 106. Prophezeiung von Leonardo da Vinci, deren Inhalt - die Metalle - sich nicht zuletzt in der Wahl der Instrumente wiederspiegelte.
Den Abschluß machte das Trio mit der Uraufführung des Stücks "Fellzeitbänder" von Udo Diegelmann. Noch einmal präsentierten sie dem Publikum ihre hochkarätige technische Leistungsfähigkeit, die am Ende des Konzerts für jeden außer Frage gestanden haben dürfte. Das musikalische Material ist bei diesem Stück auf Pattern minimiert, die außer auf den Fellinstrumenten, musikalisch verändert, auch auf einem Tonband erklingen. Die Phasenverschiebung, ausgeführt durch den Schlagzeuger, ist dann bei der Aufführung das wesentliche Kompositionselement. Der Text des Countertenors dreht sich um das Thema Zeit und ist angelehnt an Meditationsmusik.